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Von der Kunst, Kinderraub schönzureden

GesellschaftVon der Kunst, Kinderraub schönzureden

Eine kleine Lehrstunde in moderner Sophistik

Es gibt Menschen, die können aus einem Massenmord eine Wohlfahrtsveranstaltung machen. Helmut Scheben gehört zu dieser seltenen Spezies von Wortakrobaten, die das Schwarze weiß und das Weiße schwarz reden können, ohne dabei auch nur einmal zu erröten. Sein jüngster Beitrag in der Emma ist ein kleines Meisterwerk dieser Gattung – ein Lehrstück darüber, wie man mit ein paar geschickten Wendungen aus Völkermord humanitäre Hilfe zaubert.

Das Märchen vom barmherzigen Kinderräuber

Da verschleppt also Russland nach allen verfügbaren Dokumenten über 19.000 ukrainische Kinder, presst ihnen neue Namen auf, stopft sie in russische Familien und erklärt sie zu Bürgern des Zarenreichs – und Herr Scheben reibt sich die Hände und ruft: „Seht her, welch noble Rettungsaktion!“ Man könnte beinahe Mitleid empfinden mit einem Menschen, der derart die Realität aus den Augen verloren hat, wäre da nicht dieser unangenehme Verdacht, dass er sehr genau weiß, was er tut.

Die große Kunst des Whataboutismus

Schebens Methode ist so alt wie die Menschheit und so durchsichtig wie ein schlechtes Theaterstück: „Aber die anderen machen es doch auch!“ So haben schon die Kinder im Sandkasten argumentiert, wenn sie beim Kuchenklau erwischt wurden. Nur dass hier nicht Sandkuchen gestohlen wird, sondern Menschenleben. Die Amerikaner, so belehrt uns der Schweizer Fernsehrentner, hätten ja auch Kinder aus Vietnam evakuiert. Dass diese Operation darauf zielte, Kinder zu retten und nicht ihre Identität auszulöschen, ist für unseren Autor offenbar ein nebensächliches Detail.

Russia Today als Qualitätszeitung

Besonders rührend ist Schebens Vertrauen in die Wahrheitsliebe der russischen Propaganda. Er zitiert Russia Today mit der Inbrunst eines Gläubigen, der die Bibel studiert. Dass dieser Sender von der EU verboten wurde, liegt natürlich nur an der westlichen Borniertheit – nicht etwa daran, dass dort Lügen verbreitet werden, wie andere Leute Marmelade aufs Brot streichen: dick und ohne Rücksicht auf die Konsistenz.

Die Genfer Konventionen als Mittel zum Zweck

Scheben beruft sich auf die Genfer Konventionen wie ein Taschendieb auf die Eigentumsrechte. Er erwähnt zwar, dass diese den Schutz von Kindern regeln, vergisst aber zu erwähnen, dass sie auch vorschreiben: nur mit Zustimmung der Eltern, nur temporär, nur unter Bewahrung der Identität. Russland hat gegen jeden dieser Grundsätze verstoßen – aber das sind wohl nur Kleinigkeiten für jemanden, der aus einem systematischen Deportationsprogramm eine Wohltätigkeitsveranstaltung bastelt.

Die neue Emma-Linie: Hauptsache, es ärgert den Westen

Emma war einmal ein Magazin, das für die Rechte der Schwächsten kämpfte. Heute kämpft es hauptsächlich dagegen, dass der Westen recht haben könnte. Man möchte fast wehmütig werden angesichts dieses Niedergangs, wäre da nicht die eisige Kälte, mit der hier über das Schicksal entführter Kinder hinweggegangen wird. Alice Schwarzer, die einst für Frauenrechte stritt, lässt ihr Blatt zur Plattform für die Verharmlosung von Verbrechen an Kindern werden. Eine bemerkenswerte Metamorphose.

Die Rückführungs-Posse

Besonders dreist ist Schebens Versuch, die wenigen Kinderrückführungen als Beweis russischer Kooperationsbereitschaft zu verkaufen. Von über 19.000 verschleppten Kindern konnten 372 zurückkehren – das sind knapp zwei Prozent. Nach Schebens Logik wäre ein Bankräuber, der von hundert gestohlenen Euros zwei zurückgibt, ein Philanthrop.

Der Propagandist im Schafspelz

Was Scheben betreibt, ist keine Journalistik, sondern Sophistik der übelsten Sorte. Er nimmt die Methoden der sowjetischen Desinformation und verpackt sie in das Gewand des besorgten Humanisten. Seine Behauptung, westliche NGOs würden „Propaganda-Fiktionen“ fabrizieren, ist nichts als Projektion – eine altbewährte Technik aller Propagandisten: Wirf dem Gegner vor, was du selbst tust.

Die Moral der Geschichte

Es gibt in diesem Land Menschen, die würden einem Kindermörder noch Mildernde Umstände zubilligen, wenn er nur laut genug „Amerika ist böse!“ ruft. Helmut Scheben gehört zu dieser Sorte. Sein Artikel ist ein Dokument moralischer Verwahrlosung, verpackt in das Mäntelchen journalistischer Seriosität.

Wer angesichts dokumentierter Kindesentführungen von „humanitären Evakuierungen“ spricht, hat entweder den Verstand oder das Gewissen verloren. Bei Scheben fürchte ich: beides. Aber vielleicht ist das auch nur die natürliche Entwicklung eines Mannes, der zu lange vor den falschen Mikrofonen gestanden hat.

Emma verkauft die Seele des Feminismus für ein paar Putin-Versteher-Punkte. Scheben verkauft seine journalistische Ehre für – ja, wofür eigentlich? Für ein paar Klicks auf obskuren Blogs? Für das warme Gefühl, auf der „richtigen“ Seite zu stehen?

Die Geschichte wird über solche nützlichen Idioten urteilen. Und sie wird nicht gnädig sein.

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