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Der Wahnsinn hat System: Candace Owens und die Aufmerksamkeitsökonomie der Verschwörung

PolitikInternationalDer Wahnsinn hat System: Candace Owens und die Aufmerksamkeitsökonomie der Verschwörung

Ein Kommentar zur aktuellen Eskalation im Fall Candace Owens

Es gibt Momente, in denen man sich fragt, ob man Zeuge einer spektakulären Selbstdemontage wird – oder eines kalkulierten PR-Coups. Bei Candace Owens verschwimmen diese Kategorien längst zur Unkenntlichkeit. Die 35-jährige US-Kommentatorin, einst Aushängeschild der konservativen Bewegung, hat sich in den vergangenen Monaten zum Paradebeispiel entwickelt für eine Entwicklung, die gefährlicher ist als jeder einzelne Tweet: Die komplette Entgrenzung des öffentlichen Diskurses im Namen der Aufmerksamkeit.

Von der Provokation zur Paranoia

Owens, die ihre Karriere damit begann, als schwarze Konservative gegen Black Lives Matter zu wettern und damit zum Liebling der MAGA-Bewegung wurde, hat sich längst vom konservativen Mainstream verabschiedet. Nach ihrer Entlassung beim rechtskonservativen „Daily Wire“ im März 2024 – Grund waren antisemitische Ausfälle – schien sie auf der Suche nach neuen Grenzen, die es zu überschreiten gilt.

Ihre jüngste Behauptung übertrifft jedoch alles Bisherige an schierem Irrsinn: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und dessen Ehefrau Brigitte hätten ihre Ermordung in Auftrag gegeben. Ein französisch-israelisches Killerkommando der Eliteeinheit GIGN sei auf sie angesetzt, die Zahlungen liefen über den „Club des Cent“ – einen französischen Gourmet-Klub für Feinschmecker. Ja, richtig gelesen: Ein Dinner-Club soll als Geldwäscheanlage für Staatsattentate dienen.

Die Mechanik des Wahnsinns

Schauen wir uns die Fakten an: Owens hatte in ihrer YouTube-Serie „Becoming Brigitte“ behauptet, die französische First Lady sei als Mann geboren. Eine Behauptung so absurd, dass die Macrons sie auf Verleumdung verklagen – in einem US-Gericht, wohlgemerkt. Statt diese juristische Niederlage einzugestehen, verdoppelt Owens ihren Einsatz: Aus der Verleumdungsklage wird in ihrer Lesart ein Mordkomplott. Aus einem Gerichtsverfahren eine internationale Verschwörung.

Ihre „Quelle“? Ein angeblich hochrangiger französischer Regierungsbeamter, der ihr „konkrete Beweise“ vorgelegt haben soll. Diese Beweise? Hat sie nie gezeigt. Namen? Nennt sie nicht. Belege? Fehlanzeige. Stattdessen eine wilde Erzählung, die den Mord an Charlie Kirk – dem Gründer von Turning Point USA, bei dem Owens einst arbeitete – in ihre Verschwörungstheorie einwebt. Der 22-jährige Attentäter Tyler James Robinson habe, so Owens, bei der französischen Fremdenlegion trainiert.

Die Realität sieht anders aus: Robinson ist ein junger Mann aus Utah, der sich selbst stellte, gestand und erklärte, Kirk habe „zu viel Hass verbreitet“. Er hatte einen Trans-Partner und war in den letzten Jahren politisch nach links gerückt. Von französischen Elitetruppen keine Spur.

Pavel Durov: Der perfekte Verstärker

Dass Pavel Durov, Gründer von Telegram und selbst im Clinch mit französischen Behörden, Owens‘ Behauptungen als „völlig plausibel“ bezeichnet, überrascht nicht. Durov wurde im August 2024 am Pariser Flughafen festgenommen – wegen Straftaten, die über seine Plattform begangen wurden. Sein Urteil über Frankreich ist also alles andere als objektiv. Kirk hatte seinerzeit 300 Prozent Zölle auf französischen Wein gefordert, um Durovs Freilassung zu erzwingen.

Hier schließt sich der Kreis einer toxischen Allianz: Zwei Akteure mit eigenen Agenden, die sich gegenseitig in ihren Verschwörungserzählungen bestärken. Durov liefert die vermeintliche Glaubwürdigkeit, Owens die Reichweite. Das Ergebnis: Millionen Menschen werden mit haltlosen Anschuldigungen gefüttert, die geeignet sind, internationale Beziehungen zu vergiften.

Die Methode hinter dem Wahnsinn

Man könnte Owens‘ Auftritt als Nervenzusammenbruch abtun. Das wäre jedoch ein Fehler. Denn was wir hier beobachten, folgt einer Logik: der Logik der Aufmerksamkeitsökonomie in ihrer perversesten Form. Owens hat gelernt, dass Tabubrüche sich auszahlen. Jede neue Eskalation bringt mehr Klicks, mehr Follower, mehr Relevanz.

Ihre ursprüngliche „Konversion“ vom Liberalismus zum Konservatismus 2016 war bereits verdächtig plötzlich. Aus der Betreiberin eines Anti-Mobbing-Projekts wurde über Nacht eine MAGA-Ikone. Diese Wandlung hatte weniger mit Überzeugungen zu tun als mit Opportunismus. Als Trump-Unterstützerin ließ sich besser Geld verdienen als mit progressivem Aktivismus.

Nun, da sie selbst im rechten Spektrum zur Persona non grata wurde – zu antisemitisch selbst für Ben Shapiro – bleibt nur noch die weitere Radikalisierung. Owens hat verstanden: In der Welt der sozialen Medien gibt es keine schlechte Publicity. Nur Irrelevanz ist tödlich.

Warum das gefährlich ist

Die Versuchung ist groß, Owens‘ Tiraden als harmlose Spinnerei abzutun. Doch das wäre fatal. Denn ihre Behauptungen haben reale Konsequenzen. Sie schüren Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen, delegitimieren rechtsstaatliche Verfahren und vergiften das Verhältnis zwischen Nationen. Wenn eine Influencerin mit 25 Millionen Followern behauptet, ein NATO-Partner betreibe Staatsattentate in den USA, ist das mehr als bloße Unterhaltung.

Owens spielt ein gefährliches Spiel. Sie spekuliert darauf, dass ihre Anhänger bereits so tief in der Filterblase stecken, dass sie jede noch so absurde Behauptung glauben – solange sie in ihr Weltbild passt. Frankreich als gottlose Republik, die konservative Stimmen zum Schweigen bringen will? Israel als sinistrer Akteur im Hintergrund? Das sind antisemitische und antifranzösische Stereotype, verpackt als investigativer Journalismus.

Der eigentliche Skandal

Der eigentliche Skandal ist nicht, dass Owens diese Behauptungen aufstellt. Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen und einem Hang zur Selbstinszenierung gab es schon immer. Der Skandal ist, dass sie damit durchkommt. Dass Millionen ihr folgen. Dass etablierte Plattformen ihr eine Bühne bieten. Dass politische Akteure wie Durov sie legitimieren.

Wir erleben hier die Endphase einer Entwicklung, die mit „alternativen Fakten“ begann und nun in der kompletten Ablösung von der Realität mündet. Owens ist symptomatisch für eine Generation von Influencern, die gelernt haben, dass Wahrheit optional ist, solange die Performance stimmt. Ihre Performance ist hervorragend. Ihre Glaubwürdigkeit ist dahin. Aber das scheint sie nicht zu stören – solange die Klickzahlen stimmen.

Was bleibt

Candace Owens ist nicht verrückt geworden. Sie war nie sonderlich an der Wahrheit interessiert. Was wir erleben, ist die konsequente Fortsetzung einer Karriere, die von Anfang an auf Provokation und Polarisierung ausgelegt war. Die Maske ist gefallen – oder besser: Sie wurde nie wirklich getragen.

Die Frage ist nicht, ob Owens die nächste Grenze überschreiten wird. Die Frage ist, wann. Und ob es dann endlich jemanden interessiert, dass wir einer Person zuschauen, die bereit ist, alles – wirklich alles – für Aufmerksamkeit zu opfern. Einschließlich des letzten Rests an Anstand.

In einer funktionierenden Öffentlichkeit wäre Owens längst irrelevant. Dass sie es nicht ist, sagt mehr über uns aus als über sie.


Die Fakten sind eindeutig: Es gibt keine Beweise für Owens‘ Behauptungen. Französische, israelische und US-Behörden haben ihre Aussagen nicht bestätigt. Der Attentäter von Charlie Kirk ist gefasst und hat gestanden – ohne jede Verbindung zu französischen Geheimdiensten. Was bleibt, ist eine Frau, die im Rampenlicht um jeden Preis bleiben will – und bereit ist, dafür jede Lüge zu erzählen.

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